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Surfschule Norderney: Von wilden Drachen und zahmen Wellen

Nur wenige hundert Meter vor dem Norderneyer Hafen liegt eine Sandbank. Bei Niedrigwasser haben einige Seehunde hier manchmal ihren Sonnenplatz. So lange, bis die Kitesurfer kommen, um mitten in der Nordsee ihre Drachen zu zähmen. Immer wenn der Wind günstig steht, leuchten ihre Farben schon von weitem am Himmel. 

 

Der 20 PS Yamaha Motor vom Schlauchboot knattert im Wind. Der Geruch des Zweitakters mischt sich mit der salzigen Seeluft. Wir verlassen den kleinen Hafen von Norderney. Lassen ein Fährschiff hinter uns. Ein rotes Seenotrettungsboot kreuzt unseren Weg. Erst vor kurzem musste es das Schlauchboot zurück in den Hafen schleppen. Motorschaden. Noch kann ich die Sandbank nicht erkennen, die mein Kitelehrer Christian Winderlich ansteuert. Aber irgendwo da draußen muss sie sein. Als echter Norderneyer kennt Christian die Insel und das Meer wie seine Westentasche. Fünfzehn Minuten später springe ich aus dem Boot, in das mittlerweile nur noch hüfttiefe Wasser. Wir ankern und laden Kiterucksack, Brett und Zubehör aus. 

Weitere 15 Minuten später ist der One-Pump Kite aufgepumpt, angeleint und startklar. 

 

 

12 Quadratmeter grünes Segel und 11 Knoten. Wasserstart für Anfänger. Für Könner ein Witz – für mich eine echte Herausforderung.

 

Die Surfschule Norderney ist ein Kleinod und die größte Deutschlands. Mit einem herrlichen Spot zum Surfen. Geschütztes Stehrevier und günstige Wellen. Seit 25 Jahren liegt die bunte Bretterbude abseits des Hafens. Hier trifft sich die Generation Wind. Ehemalige Schüler wurden zu Lehrern, viele Stammgäste kommen immer wieder. Die Atmosphäre ist entspannt, einige Gesichter sind mir vertraut. Auch andere Wassersportarten sind hier zu Hause. Aktuell im Trend: Die Stand-up Paddler, die in die Nordsee steigen. Wellenreiten am Nordstrand sowieso. Schon seit vielen Jahren. 

Eine autarke Kommune am Rande der Stadt. Villa Kunterbunt in leuchtenden Farben. Farbig ist aber nicht nur die Fassade der Surfschule – bunt gemischt sind auch Lehrer und Schüler. Aus allen Gesellschaftsschichten kommen sie hierher. Die Lust auf das Wasser verbindet Manager und Handwerker, Männer, Frauen, Erwachsene und Kinder. Ganze Schulklassen verbringen hier ihre Freizeit. Immer öfter auch mit Flüchtlingskindern. Die große Weltpolitik, sie macht auch vor der kleinen ostfriesischen Insel nicht halt.

 

 

Der Wind auf der Sandbank ist mittlerweile leicht böhig. Erreicht aber kaum 11 Knoten. Gut für mich, um an meinem Brett im Wasser “kleben” zu bleiben, aber schwierig mit so wenig Druck aus dem Wasser zu kommen. Christian lässt mich deshalb einige Bodydrags üben. Wie ein durchgehendes Pferd pflügt mich der Kite durch das Wasser. Immer wieder lenke ich Sinuskurven in den Himmel und versuche Druck aufzubauen. Fensterrand und Powerzone sind mein Ziel.

Nur einmal wird es besonders wild. Der Wind frischt kurz auf und ich schaffe es nicht, den Drachen zu zähmen. Er landet im Wasser und zieht mich sanft aber bestimmt hinaus auf die See. Ich löse mich von dem System und lasse den Kite aufs offene Meer treiben.

Uncool, aber safety first.

 

 

Christian wirft den Motor des Schlauchboots an und wir fahren dem Drachen hinterher. Damit ist auch der Kurs beendet. Die Zeitfenster zum Üben sind begrenzt, schon in kurzer Zeit wird die Flut die Sandbank wieder in ihren Besitz nehmen. Wir fahren zurück zum Hafen. Eine kurze Wettfahrt mit der Frisia IV und wir sind zurück auf der Insel. Wir vertauen das Schlauchboot und kehren zurück zur Surfschule. Einige Schüler üben hier bereits Theorie. Haben es sich auf fat boys und Liegestühlen bequem gemacht. Andere trocknen ihre Anzüge und verstauen das Material.

 

 

 

“Wir gehören mittlerweile zur Insel, wie die Ebbe und die Flut”, verrät mir der Gründer der Schule, Gunther Baade. Das sieht die Stadt Norderney genauso. Immerhin kommen viele Gäste im Jahr nur nach Norderney, um hier Wassersport zu lernen. Gut für den Tourismusstandort Norderney. Dabei ist auch das Thema Nachhaltigkeit und Naturschutz mittlerweile eine feste Größe im Terminkalender der Insel. Damit auch wichtig in den Planungen der Surfschule. “An Teilen des Nordstrandes dürfen Kiter nur vom 1. April bis zum 31. Oktober auf das Wasser. Die Wattseite ist sogar nur für unsere Schule reserviert. Hier endet die Saison bereits Anfang September”, erklärt Gunther Baader. Der Naturschutzbund gibt die Regeln vor. Ein Geben und Nehmen. Das ist hier für alle selbstverständlich, macht das Miteinander auf der Insel erst möglich.  

Während mein Neopren-Anzug langsam in der Abendsonne trocknet, lesen Christian und ich die Windvorhersage für die kommenden Tage. Mein nächster Wasserstart muss leider warten. Keine acht Knoten, damit bleibt der Drachen ungezähmt, das Schlauchboot kann im Hafen bleiben.

Die Seehunde wird es freuen.

 

 

Hier kannst Du die Drachen zähmen:

Surfschule Norderney

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