Eiland reisen ganz nah

…nach Rügen

Von wegen Binz und Kunz. Rügen hat ein ganz spezielles Publikum 

Wem die Nordsee zu rau und die Sylter Schickeria zu selbstverliebt ist, der reist weiter nach Osten. Der Charme der Insel Rügen zieht jedes Jahr zigtausende Touristen aus ganz Deutschland an seine Strände. Die Hauptstadt Binz ist von sturer Schönheit, die Landschaft einzigartig.

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Autobahn A20. Immer weiter die A20. Vorbei an Rostock. Vorbei an immer grünen Wiesen. A20. Gute ausgebaute asphaltierte Langeweile. Kilometer für Kilometer. Sekundenschlaf. Stralsund. Über die Strelasundbrücke rauf auf die Insel. Rügen begrüßt unaufgeregt.

Auf der Insel sein heißt noch nicht am Ziel sein. Die E251 führt vorbei an kleinen Orten, einzelnen Häusern und tristen Gegenden. Selbst die vielen Blitzer werden eintönig. Eine gefühlte Ewigkeit später erreiche ich das Ortsschild Binz. Klein, verblichen, gelb und verloren am Straßenrand. Sylt fängt anders an.

Rügen. Die Insel geistert mir schon seit Jahren durch den Kopf. Immer wieder einmal hatte ich davon gehört oder kannte jemanden, der jemanden kannte, der dort seinen Urlaub verbracht hatte. Für mich war das nie eine wirkliche Alternative. Ich bin Typ Nordsee. Sylt, Norderney, Husum oder St. Peter-Ording. Weiter als bis nach Travemünde hat es mich nie verschlagen.  Nordsee ist Mordsee,  Ostsee ist für Spießer.

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In Binz selber entdecke ich nichts, was mich “flasht”. Erst die Strandpromenade lässt erahnen, warum so viele Touristen auf diese Insel schwören.

Ein Hauch von mondän, eine Spur Oberklasse, eine leichte Idee pompös. Das Leben spielt sich hier an der Promenade ab.

Rauf, runter und wieder von vorne. Wenige Kilometer flanieren. Vorbei an Kurplatz und Straßenmalerei, an spießig nummerierten Strandzugängen, gepflegter Bäderarchitektur und wieder zurück.

Von überall zu sehen: Die Seebrücke, die wie ein hölzerner Finger weit hinaus in die blaue Ostsee ragend. Postkartenidylle. Hochglanzmotiv.

Vergeblich versuche ich ein bestimmtes Touristenmuster zu erkennen.  Camp David ist “in”. Untere  Mittelklasse. Vereinzelt Oberklasse Look – Hanseatenschick. Vermutlich Urlauber, die ihre Sommerferien zu spät gebucht haben, als Sylt oder St. Peter Ording schon längst dicht waren. Familien mit Kindern, Pärchen händchenhaltend , Singles mit Hund, Senioren mit Gehstock und ohne.

Das ist mein Plan: Touristenprogramm, einmal von der Stange. Kreidefelsen , Besuch der Monsterbauten von Prora, Naturerbe Zentrum , U-Boot Besichtigung in Sasnitz und die Seebrücke von Sellin. Der erste Abend klingt in der Abenddämmerung am Strand aus. Die Wellen plätschern seicht ans Ufer. Selbst die Ostsee wirkt hier gelangweilt.

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Die Kreidefelsen sind nicht mein Ding . Durch einen kleinen Wald gelange ich an die erste Schlucht. Steil, schroff, das Wasser tief unter mir. Kreide ja, die Felsen sind weiß, beeindruckt mich nicht. Kurzer Moment, dann weiter nach Prosa. Unfassbare Geschichte des “Kraft durch Freude” Wahnsinns. Gebaut 1936-1939 als kilometerlange Betonfassade.

Erschlagend und erdrückend 

Auch wenn hier die ersten Luxuswohnungen gebaut werden – die Kriegshistorie und Sozialismus Ideologie bleiben zum Greifen nah. An dieses Ort würde ich niemals hinziehen. Durch die Bäume sehe ich das Meer. Die Ostsee schläft immer noch. Ein unfreundlicher Radfahrer wirft mir irgendwas an den Kopf. Den einheimischen Akzent erkenne ich, will mich kurz aufregen, lasse es sein.

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Auch die Ausflüge verlaufen weiter unaufgeregt. Noch immer Frage ich mich “Warum ausgerechnet Rügen”? Weder das rostige U-Boot von Sasnitz noch der große Holzturm und der Baumwipfeldpfad im Naturerbe Zentrum reißen mich aus meiner Lethargie.

Nett dagegen der Weg zu Fuß vorbei am (leider einzigen) Hundestrand von Binz nach Sellin. Überhaupt. Die Insel ist nichts für Elli. Fast durchgehender Leinenzwang, Forsche Fingerzeige bei Missachtung. Mit Hund bist du auf Rügen kein Premium Tourist.

Überwältigend ist der Blick dann auf Sellin. Postkartenmotiv Teil  Zwei. Noch mehr Hochglanz.

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Der Character der Inselbewohner lässt sich immer noch nicht “fassen”. Netter Service, aber unfreundliche Einwohner, je weiter man die Stadt Binz verlässt. Immer wieder auch alte Artefakte aus der DDR.

Trabbis, alte Werbeschilder, tiefe Schlaglöcher – jenseits der Tourismuspfade ist die Zeit stehen geblieben. Der Geruch der DDR noch immer anwesend.

Zwei Tage später verlasse ich Rügen.  Die Insel setzt sich selber in Szene. Wie ein Bilderrahmen umfasst sie alles Schöne der Natur, sogar die Ostsee fügt sich perfekt in dieses Gemälde.

Impressionistische Lebensfreude. Ich liebe aber den Schimmelreiter.

Ich freue mich auf die A20.