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Karl Dall – Augenblicke zwischen Witz und Wahrheit

Karl Dall ist einer der letzten großen Unterhaltungskünstler Deutschlands. Sein Image? Von A bis Z, irgendwo zwischen albern und zynisch. Sein Credo: Mehr Austeilen als Einstecken, sein Humor oft auch grenzwertig.

 

Der beste Weg um Karl Dall zu interviewen? Ehrlichkeit und Wertschätzung. Er ist viel zu schlau, um sich aufs Glatteis führen zu lassen. Im Gegensatz zu mir. „Viele Leute sagen, Hannover sei eine Provinz“, begrüßt mich Dall. „Und sie haben Recht“, fügt er kurz darauf hinzu. Erwischt! Für einen Moment wähnte ich mich in einem ernsten Gespräch, um dann doch in Dalls ersten Komik-Konter hineinzutappen.  Anfang Februar hat Dall seinen 77. Geburtstag gefeiert. In Berlin in seiner Lieblingskneipe. Im Kreis seiner besten Freunde. Das ist sein persönlicher Luxus. Menschen um ihn herum, denen er vertrauen kann und die ihn so nehmen wie er ist. Dazu seinen Lieblingswein, einen spanischen Rioja Roda 1. Das will er tun solange er noch fit ist. Auch im Kopf. Nicht einfach irgendwann langsam abschalten.

 

 

Seinem Markenzeichen ist er immer treu geblieben. Und er setzt es geschickt ein. Ein herunterhängendes Augenlid als personifiziertes Logo im Gesicht. Ein kleiner kosmetischer Eingriff und die Sache mit dem Auge wäre erledigt gewesen. Keine Option für den Ostfriesen Dall.

 

 

 

Er erkennt schon früh seine Stärken. Arbeitet konsequent daran diese auszubauen. Mit Erfolg. Mit der Band Insterburg & Co kommt er in den siebziger Jahren ganz groß heraus. Und startet durch. Auftritte u.a. bei „Verstehen Sie Spaß“ und eigene Shows im Privatfernsehen, Dall wird zum Liebling der Nation.

Zu einigen Prominenten von früher hat Dall noch guten Kontakt. Mike Krüger zum Beispiel, ab und zu trifft er auch Jürgen von der Lippe oder Otto Waalkes. Einige sind bereits gestorben. Peter Frankenfeld, Kurt Felix, oder Rudi Carrell – Karl Dall ist Zeitzeuge einer Generation großer Entertainer. Heinz Erhardt hat er erst spät kennen gelernt, Erhardt saß da schon im Rollstuhl. Beim Doornkaat trinken tauschten Sie Erinnerungen aus.  

Und auch wenn Dall Meister des Humors ist, über seine ehemaligen Kollegen redet er nur mit Respekt. Zumindest wenn keine Presse dabei ist. Die kleinen Geschichten erzählt er mir zwischendurch. Davon, dass Rudi Carrell ihn vor Publikum gerügt habe, Witze nur nach Drehbuch abzuliefern, nicht frei nach eigener Schnauze. Grund genug für Dall sein Ding zu machen und aus der Show auszusteigen.   

 

 

Immer wieder muss ich mich im Gespräch konzentrieren. Schnell trennen können zwischen Witz und Wirklichkeit. Beides geht bei Dall quasi Hand in Hand und verdeckt dabei eine wesentliche Sache. Karl Dall ist hoch sensibel und verletzlich. Seine Offensive dient oft dem Selbstschutz. Bei vielen Dingen ist er vorsichtig geworden. Misstrauisch, weil enttäuscht. Alte Geschichten, die über ihn verbreitet wurden nagen noch immer an ihm. Er äußert nicht immer offen das was er denkt. Auch wenn er könnte. Denn Dall weiß, wovon er spricht. Zum Beispiel über seine Arbeit als Künstler und Schauspieler. Da war früher vieles besser. Die Gagen entsprechend hoch und der Druck der Öffentlichkeit nicht so immens. In Zeiten sozialer Netzwerke kann eine Karriere heute enden, noch bevor sie richtig begonnen hat.

Eine Frauenquote bei Filmregie und Produktion? #Metoo Kampagnen? Das sind Dinge die Karl Dall verachtet. Er setzt auf das Leistungsprinzip und darauf, dass Menschen sofort sagen, was sie denken. Nicht erst 30 Jahre später.

In Schubladen stecken lässt sich Karl Dall nicht. Dort passt der über 1 Meter 90 große Vater einer Tochter auch gar nicht hinein. „Ich bin kein Sänger, kein Komiker, kein Schauspieler und auch kein Künstler“, stellt Dall fest. Er ist ein Freigeist. Heute mehr denn je. Woran er das merkt? „Ich überlege jeden Monat, ob ich noch genug Geld habe und die Miete zahlen kann, auch wenn ich das gar nicht muss. Aber ich bekomme nur eine kleine Rente, weil ich kaum fest gearbeitet habe. Dieses Gefühl bleibt hängen“.

 

Projekte für die Zukunft? Wieder nach Kanada. Fernreise mit Ehefrau zu Tochter und Enkelin. Ab in die Natur, ein paar Fotos machen vielleicht. Zurück in Deutschland dann wieder ins Rampenlicht, aber nur hin und wieder und etwas kleiner. Karl Dall macht es wie immer und so, wie es nur ihm gefällt.

Zum Ende meines Interviews bin ich entspannt und schwer beeindruckt. Von einem Mann, der sich trotz großer Vergangenheit zum Abschluss über eine kleine Anekdote freuen kann. Darüber, dass er einmal in einem Hotel in Hannover auf einer ganzen Etage alle Schuhe der Hotelgäste vertauscht hat. Inklusive seiner eigenen um am nächsten Morgen nicht aufzufallen. Einstecken können. Humor nicht nur auf Kosten anderer.

 

 

 

 

Great pics by Markus Lindert

 

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