Festland reisen ganz nah

Heiligenhafen: Bretterbuden, Betonklötze und eine handvoll Rinder

Kurz bevor die Autobahn 1 vor Fehmarn in der Ostsee versinkt, liegt Heiligenhafen. Die Kleinstadt am Meer ist ein Magnet für tausende Touristen. Jedes Jahr kommen sie in Scharen und machen hier Urlaub. Jeder auf seine Weise. Und jeder genau dort, wo er mag.  

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Flashback zurück in die Siebziger! Der erste Gedanke, als ich meine Urlaubswohnung in Heiligenhafen zum ersten Mal sehe. Die Schranke zum Sammelparkplatz öffnet sich und gibt den Weg frei. Zu einer riesigen Betonburg, nur einen Steinwurf vom Strand entfernt. 35 Quadratmeter Zweiraum, Appartement Typ A, fünfter Stock. Das ist mein neues Quartier. Ein Schriftzug “Ferienpark, Moin Moin zum Urlaub” grüßt aus schwindelerregender Höhe von der grauen Fassade. Berlin Marzahn mitten in Ostholstein. Ein Wohn-Monster, garniert mit spießig gepflegtem Minigolfplatz, einem Schwimmbad und Go-Kart Bahn für die Kleinen. Hier kann man unter sich bleiben. Wenn man will. Weiter im Angebot: Einige Restaurants, deren Speisekarten in vergilbten Plastikhüllen an bessere Zeiten und Jahrzehnte erinnern.

 

 

Das Publikum hier ist anders als nur zwei Kilometer Strand aufwärts. Tennissocken in Sandalen anstatt Surferchic und Beachbeauties.

1.700 Wohnungen und 100.000 Feriengäste pro Jahr – kaum zu glauben, dass ich schon einige Tage später dieses ehrliche Milieu vermissen werde.

Die Art der Leute, wie sie hier früh morgens ihre Brötchen holen und Kaffee trinken. Vor einer tristen Bäckerei in der Sonne sitzend. Im Schatten des Hochhauskomplexes, der die aufgehende Sonne mühelos verdeckt.

Szenenwechsel. Ein Spaziergang am Strand. Der bunte Yachthafen und die kleine Einkaufsmeile sind das neue Herzstück des Ortes. Flanieren zwischen schicken Holzfassaden. Das Beach Motel und die Bretterbude geben der Gegend den Charme einer kleinen Westernstadt. Der Saloon heißt hier Fischladen und statt zu Pferde sind ebikes nun die neuen Renner. Die hölzerne Seebrücke ragt weit in die Ostsee hinaus. Unter dem Steg, zwischen ihren Bohlen kann ich die Wellen aufblitzen sehen. 

 

 

 

Von hier aus starte ich täglich meine Touren. Von Juist oder Norderney bin ich ganz andere Entfernungen gewohnt. In Heiligenhafen wechseln die Eindrücke schneller. Bereits nach zwanzig Minuten erreiche ich Graswarder – eine weitläufige Halbinsel mit faszinierendem Naturschutzgebiet. Schon von weitem sichtbar einige versprengte Häuser am Strand. Besonders eine blaue Häuserfassade fasziniert mich. Sturmerprobt sehen sie alle aus. Am Horizont vollendet die Fehmarn-Sund Brücke das schöne Stillleben am Strand. 

 

 

Landschaftlich robuster geht es Richtung Süden zu. Die Dünen werden schroffer und die Strände einsamer. Über den angrenzenden Feldern und Salzwiesen brennt die Mittagssonne. Eine kleine Gruppe Gallaway Rinder sucht Schutz unter einem Baum. Selbst die Kühe sind hier eine Spur wilder. Wieder der wilde Westen. Ein Blick in die Ferne reißt mich aus meinen Träumen. Die Silhouette des Betongiganten verfolgt mich selbst auf meinen Streifzügen. 

 

 

Sundowner in Heiligenhafen sind eine Spur intensiver. Wenn die Sonne untergeht versammeln sich die Menschen und genießen den Augenblick. Am Yachthafen, auf den Holzterrassen oder im Ferienpark mit dem Flair der Siebziger Jahre. Nur die Möwen halten sich nicht an das abendliche Ambiente. Ihr wildes Geschrei ertönt rund um die Uhr. Ich beende den Tag am Strand und gehe zurück. In meine 35 Quadratmeter im fünften Stock. Und dem guten Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

Das Hochhaus hat die Abendsonne schon längst verdeckt.

 

 

1 Kommentar zu “Heiligenhafen: Bretterbuden, Betonklötze und eine handvoll Rinder

  1. Cooler Blog und das Strand Motel war schon geil

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