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Dieter Hallervorden: Vom Sturm und Drang und savoir vivre

Getrieben nach Perfektion und dem Streben nach Glück. Auf der Bühne und privat. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen lässt sich der 82-jährige Dieter Hallervorden von Nichts und Niemand aufhalten. Als enger Gefährte steht ihm sein Sohn Johannes dabei fest zur Seite.

 

Freundlich. Freundlich und reserviert. Das sind die ersten Minuten meiner Begegnung mit Dieter Hallervorden. Es wird ein Gespräch auf ganz dünnem Eis. Dieter Hallervorden hasst Interviews. Mag keine Oberflächlichkeit und keine leeren Floskeln. Dafür hat er keine Zeit. Nie gehabt. Nicht in seiner Kindheit und auch später nicht in seiner Karriere. Das Leben ist zu kurz, um es zu Verschwenden. Wenn er sich die Zeit nimmt, dann für die schönen und wichtigen Dinge des Lebens. Wie für seinen Sohn Johannes. Für den 19-jährigen hat er alle Zeit der Welt. Alles andere ist doch schon längst gesagt.

“Niemals aufgeben” ist sein Motto.  Das Ziel erreichen, heißt seine Mission. Studium der Romanistik mit Schwerpunkt Französisch. Aufklärung und Freigeist, das sind auch Hallervordens Werte. Sturm und Drang im Herzen, die Klassik und schöne Künste im Kopf. Epochal Denken, anstatt kleingeistig zu enden. Vorsichtig frage ich nach. Wie fing alles an?

Bewerbung an der Schauspielschule in Berlin. Er wird abgelehnt. Begründung erst auf Nachfrage. Fadenscheinig und ohne Sinn und Verstand. Dieter Hallervorden lernt früh, das Wort “Scheitern” aus seinem Wortschatz zu streichen. So hat sein Vater ihn erzogen. In einem liebevollen Elternhaus. Er gründet sein eigenes Kabarett – die Wühlmäuse.

Keine Kompromisse, immer ein klares Ziel vor Augen. Ein Lebensmotto, das er Jahrzehnte später im Film “Sein letztes Rennen” eindrucksvoll auch auf die Leinwand bringt. Sein persönlicher Wendepunkt als Schauspieler. Vom Kabarett und Komik endlich als Charakterdarsteller gefeiert. Auf dem späten Gipfel seines Erfolges. Aber bis dahin sollte es noch ein langer Weg sein.

 

 

“Immer einmal mehr aufstehen, als Liegenbleiben.” Eine Lebensweisheit, die der vierfache Vater streng beherzigt. Hallervorden gründet sein eigenes Kabarett und steht auf seiner eigenen Bühne. Mit Erfolg, aber jeder Menge Verbindlichkeiten. Die Figur “Didi” wird von einem Millionenpublikum gefeiert. Genießt Kultstatus und ist Kulturgut einer ganzen Nation. Schauspielerischer Fluch und finanzieller Segen zugleich. Wirtschaftlich nun unabhängiger zieht der Berliner die Reißleine. Konsequent wie immer. “Didi” wird beerdigt, die Schublade Comedy geschlossen.  

 

“Didi war ein wichtiger Teil meines Lebens. Komik ist eine oft unterschätzte Form des Schauspiels. Aber sie war nie die Erfüllung meiner beruflichen Vision.” 

 

“Verfolge konsequent Deine Ziele und arbeite hart dafür.” Mit preußischer Disziplin setzt Hallervorden seine Karriere fort. Macht konsequent das weiter, was er für richtig hält. Legt keinen Wert auf falsche Etikette. Neue Projekte stehen an. Musiktitel, TV-Shows, oder als Synchronstimme. Alles was Hallervorden anfasst, hat Erfolg.

Vor mir sitzt ein Mann, der weiß was er will. Und er macht das, was er selber nie erfahren hat. Unterstützt andere Künstler auf ihrem Weg auf die Bühne. Als Veranstalter des Kleinkunstfestivals in Berlin gibt er dem Nachwuchs seit vielen Jahren eine Chance. Später übernimmt er das renommierte Schlosspark Theater in Steglitz. Formt es zu einem schillernden Kleinod in der Kulturhauptstadt Berlin. Auf Hilfe aus Politik und Wirtschaft wartet er bis heute trotzdem vergeblich. 

Das Eis schmilzt. Das spüre ich. Dieter Hallervorden nimmt sich Zeit für seine Antworten. Rührt bedächtig Honig in seinen Tee. Ich wage mehr.

Wie geht das? Als sensibler Mensch oft nur Spielball von Publikum und Presse zu sein? Kritik einstecken von Menschen, die ihn nicht einmal kennen. Authentisch bleiben, hinter Kostüm und Maske. Ich merke, dass meine Frage tief geht. Eine finale Antwort darauf gibt es nicht. Aber einen Ort, an dem er sich erholen kann. Wo er sein kann wie er ist. Für sechs Monate im Jahr zieht sich Dieter Hallervorden nach Frankreich zurück. Schon seit vielen Jahren genießt er auf einer kleinen Insel vor der bretonischen Küste sein Leben. Französischer Wein und gutes Essen, Land und Leute – Entschleunigung zwischen seinen Hühnern und Pflanzen. Formt dort weiter an seinem Lebenswerk. Gibt seinem Character weiter eine persönlich Note.

 

Wie ein guter französischer Wein berauscht er die Sinne der Zuschauer mit zwei großartigen Filmen. “Honig im Kopf” und “Sein letztes Rennen” sind auch der endgültige Bruch mit der Vergangenheit als Komiker.

 

Hallervorden wird als Charakterdarsteller akzeptiert. Die Rolle des Paul Averhoff als Marathonläufer im hohen Alter ist ihm wie auf den Leib geschnitten. Das Drehbuch begeistert ihn. Unbändiger Lebenswille, eigener Kopf, gegen alle Widerstände. Das ist auch seine Botschaft. Durch tägliches Training und Ernährungsumstellung nimmt Hallervorden elf Kilo ab und meistert die Rolle mit Bravour. Identifikation mit seiner Rolle bis an die körperliche und mentale Grenze. Und weit darüber hinaus.    

“Ich will und ich kann.”  In seinem blau-gestreiften Hemd macht Hallervorden eine ausschweifende Geste vor mir. Reißt die Augen auf und unterstreicht somit das Gesagte. Dieses Motto lebt er auch seinem Sohn Johannes vor. Vater und Sohn verbindet ein besonders liebevolles Verhältnis. Freundschaftlich und respektvoller Umgang. Gemeinsam verbringen sie viel Zeit miteinander. Beruflich und privat. Nachwuchsschauspieler Johannes lernt viel von seinem Vater. Dieter Hallervorden ist für ihn da. Unaufdringlich, aber nie ungefragt. Bringt Johannes bereits in frühen Jahren Wertschätzung für Mensch und Natur bei. Genießt die Ausflüge mit ihm auf die französischen Wochenmärkte, oder einfach nur raus aufs Wasser. Der Klang der Wellen beruhigt und inspiriert zugleich. Viele seiner Produktionen und Werke sind hier entstanden.

 

 

Ich kann das starke emotionale Band zwischen den beiden förmlich spüren. Der große Altersunterschied ist dabei kein Problem. Der 82-jährige ist körperlich topfit. Zusammen gehen sie Skifahren, Surfen oder tauchen. Johannes tut seiner Seele gut. Ist wesentlicher Grund dafür, nicht nachzulassen. Aber nachzugeben, wenn es sein muss. Loslassen und seinem Sohn die Freiräume zu geben, wenn er sie denn will. Das kommt aber nicht oft vor.

Auf zu neuen Ufern. Ich bin überrascht. Seit vergangenem Jahr ist Dieter Hallervorden Vegetarier. Von jetzt auf gleich. Nach einem Besuch in Südafrika entschließt er sich, seine Ernährung zu ändern. Radikal. “Ungefragt”, wie er schmunzelnd sagt. Genau wie bei seinem Fallschirmsprung, von dem auch Johannes erst nachträglich erfuhr. Es ist nie zu spät, neue Erfahrungen zu sammeln. Erst der Stillstand bedeutet das Ende. Nichtstun ist für ihn keine Option. 

Am Ende unserer Gesprächs besuchen wir die Solo-Premiere seines Sohnes in “Der letzte Raucher.” Dieter Hallervorden hat Lampenfieber. Fiebert mit, als sich sein Sohn souverän durch die Vorstellung spielt. Als der Schluss-Vorhang fällt kommt es zu einer Situation, die ich so nie erwartet hätte.

Dieter Hallervorden umarmt mich erleichtert und eilt dann zu seinem Sohn. 

Das Eis ist geschmolzen und ich verabschiede mich von einem Mann, der sein letztes Rennen noch lange nicht gelaufen ist. 

 

 

 

 

 

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